Whippet
Der Whippet ist ein eleganter, pfeilschneller britischer Windhund. Draußen ein explosiver Kurzstreckensprinter, drinnen ein sanfter, anhänglicher und bequemer Sofabewohner.
Der Whippet ist ein aerodynamisch gebauter britischer Windhund, dem ein Greyhound im kleineren Format ähnelt. Er wurde für hohe Geschwindigkeit gezüchtet und kann bis zu 56 km/h erreichen, was ihn zu einem der schnellsten Hunde seiner Größenklasse macht.
Charakteristisch für die Rasse ist der Kontrast zwischen dem Verhalten drinnen und draußen. Sobald der Whippet seinen Bewegungsdrang bei kurzen, intensiven Sprints gestillt hat, ist er im Haus einer der ruhigsten, sanftesten Hunde. Er sucht Körperkontakt und Wärme. Für Menschen, die einen ruhigen, anhänglichen und pflegeleichten Begleiter suchen und ihm täglich freie Sprintmöglichkeiten bieten können, ist der Whippet gut geeignet.
Geschichte und Herkunft: Das “Rennpferd des armen Mannes”
Die Geschichte des Whippets ist tief in der britischen Arbeiterklasse des 18. und 19. Jahrhunderts verwurzelt, insbesondere in den industriellen und landwirtschaftlichen Regionen Nordenglands.
Der Greyhound der Bergarbeiter
Während der große Greyhound jahrhundertelang das exklusive Statussymbol des englischen Adels war (die Jagd mit Greyhounds war für Bürgerliche streng verboten und oft unbezahlbar), brauchten die Kohlenmief-Arbeiter und Weber einen kleineren, günstigeren, aber ebenso schnellen Hund. Sie kreuzten kleine Greyhounds vermutlich mit langbeinigen Terriern (wie dem Bedlington Terrier oder Manchester Terrier), um einen kompakten, pfeilschnellen Hasenjäger zu erschaffen.
Diese Hunde, anfangs noch oft als “Snap Dogs” bezeichnet (weil sie ihre Beute mit einem schnellen Biss “snappten”), waren überlebenswichtig, um illegal Fleisch für die Familien der Arbeiter zu jagen (Wilderei).
Vom Wilderer zum Wettkampfsportler
Als die Arbeiter in die wachsenden Industriestädte zogen, wurde die Hasenjagd schwieriger. Stattdessen verlagerten sie ihre Leidenschaft auf das Hunderennen (oft einfach auf geraden Straßen oder Feldern). Die Hunde jagten dabei meist einem an einer Schnur gezogenen Lappen hinterher (dem Vorläufer des heutigen Coursings). Die Rennen am Wochenende wurden extrem populär, da die Arbeiter auf die Hunde wetteten. Der Whippet erhielt in dieser Zeit seinen liebevollen Spitznamen “The Poor Man’s Racehorse” (Das Rennpferd des armen Mannes).
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Rasse vom englischen Kennel Club offiziell anerkannt. Der Name “Whippet” leitet sich vermutlich von dem alten englischen Ausdruck “whip it” (bewege dich schnell, zisch ab) ab. Heute ist der Whippet weltweit eine der beliebtesten Windhundrassen und wird in Deutschland durch den Deutschen Windhundzucht- und Rennverband e.V. (DWZRV) im VDH betreut.
Physische Merkmale: Stromlinienförmige Perfektion
Der Whippet ist eine Studie in Kurven und Muskeln. Er ist ein mittelgroßer Hund, bei dem alles auf minimalen Luftwiderstand und maximale Schubkraft ausgelegt ist.
- Größe: Rüden messen idealerweise 47 bis 51 cm an der Schulter, Hündinnen 44 bis 47 cm.
- Gewicht: Ein gut trainierter Whippet wiegt meist zwischen 11 und 16 kg. Er sollte extrem sehnig, muskulös und schlank sein (ein leichter Rippenansatz ist bei Windhunden absolut normal und gesund).
Die Aerodynamik
Der Kopf ist lang und schmal, der Hals lang und elegant gebogen. Der Brustkorb ist auffallend tief (um das gewaltige Herz und die Lungen aufzunehmen), während die Taille (die Flanken) extrem stark aufgezogen ist. Der Rücken ist breit, lang und über der Lendenpartie sanft nach oben gewölbt (Karpfenrücken), was dem Hund seine explosive, katapultartige Sprungkraft verleiht. Die lange Rute wird meist tief und oft leicht zwischen den Beinen getragen (was bei dieser Rasse kein Zeichen von Angst, sondern die rassetypische Entspannungshaltung ist).
Das millimeterkurze Fell
- Beschaffenheit: Das Fell ist extrem kurz, fein, glatt und liegt eng an der Haut an. Dem Whippet fehlt jegliche isolierende Unterwolle und Körperfett. Dies macht ihn extrem kälte- und nässeempfindlich. Ein Kleiderschrank voll gut sitzender (windhundspezifischer) Pullover und Wintermäntel ist für einen Whippet-Besitzer absolute Pflicht. Er zittert schnell, nicht nur vor Kälte, sondern auch bei Aufregung oder Anspannung.
- Farben: Es gibt keine Farbregeln. Whippets gibt es in allen erdenklichen Farben und Kombinationen: Schwarz, Weiß, Blau (Grau), Fawn (Rehbraun), Rot, oft gestromt (Brindle) oder als Schecken.
Temperament und Persönlichkeit: Zwei Hunde in einem
Leben mit einem Whippet bedeutet, das absolute Kontrastprogramm zu erleben: Der rasende Athlet draußen und der schnurrende Sofakissen-Bewärmer drinnen.
Der ultimative Couch-Potato
Im Haus ist ein ausgelasteter Whippet oft unsichtbar. Er bellt fast nie (Whippets eignen sich absolut nicht als Wachhunde), ist extrem ruhig, sauber und sanftmütig. Er liebt Körperkontakt über alles und sucht sich stets den weichsten, wärmsten Platz im Raum. Das ist in der Regel das Bett seines Besitzers oder tief unter einer Decke auf dem Sofa. Er verabscheut harte Böden und nasses Wetter.
Die Sensibilität in Person
Whippets sind tief emotionale, hochsensible Hunde. Sie sind extrem eng an ihre Familie gebunden und reagieren stark auf Spannungen, laute Stimmen oder Streit im Haus. Fremden gegenüber sind sie (wie die meisten Windhunde) typischerweise etwas reserviert und distanziert. Sie drängen sich nicht auf, sondern warten ab, bis sie den ersten Schritt machen. Sie sind keine stürmischen “Jeder-ist-mein-Freund”-Hunde wie ein Labrador. Mit rücksichtsvollen Kindern sind sie sanft und geduldig, mögen aber keinen groben Lärm.
Der instinktive Sichtjäger
Draußen erwacht ein völlig anderer Hund. Sobald ein Whippet etwas bemerkt, das sich schnell bewegt – sei es ein Hase, ein Eichhörnchen, eine Katze in weiter Entfernung oder eine im Wind wehende Plastiktüte –, schaltet sein Gehirn in den Jagdmodus. Als Sichtjäger (Sighthound) jagt er nicht mit der Nase, sondern mit den Augen. Sein Jagdtrieb ist blitzschnell, kompromisslos und extrem schwer abzurufen, wenn er erst einmal im Sprint ist.
Erziehung und Bewegungsbedarf
Bewegung: Sprints, keine Marathons
Der Bewegungsbedarf des Whippets wird oft völlig missverstanden.
- Täglicher Bedarf: Er braucht nicht stundenlanges, stumpfes Neben-dem-Fahrrad-Herlaufen (das ermüdet ihn eher mental und belastet die Gelenke). Was er täglich braucht, sind kurze, explosive Sprints in einem sicheren, ungestörten Gebiet (etwa 10 bis 15 Minuten Rennen). Danach ist ein ausgiebiger, entspannter Spaziergang völlig ausreichend.
- Der Freilauf: Dies ist die größte Herausforderung. Da er beim Anblick von Wild sofort auf 50 km/h beschleunigt, darf er in der Nähe von Straßen oder in wildreichen Wäldern niemals von der Leine gelassen werden. Ein hoch (und sicher) eingezäuntes Areal ist oft die einzige Möglichkeit für echten Freilauf.
- Windhundsport: Coursing (die simulierte Hasenjagd auf einer großen Wiese) oder Bahnrennen im DWZRV sind die artgerechteste und glücklichste Auslastung für diese Hunde.
Erziehung: Sanfte Konsequenz
Einen Whippet erzieht man nicht, man überzeugt ihn freundlich.
- Keine Härte: Härte, physischer Zwang oder lautes Anschreien brechen die Seele dieses Hundes. Er zieht sich zurück, zittert und blockiert völlig.
- Positive Motivation: Er lernt schnell, hat aber wenig “Will-to-please” im klassischen Sinne. Er gehorcht, weil er eine gute Beziehung zu seinem Besitzer hat und weil es sich für ihn (durch Leckerlis) lohnt. Er ist kein Hund, der Befehle 20 Mal freudig wiederholt.
- Leinenführigkeit: Durch seinen langen Hals und den zarten Körperbau rutscht er extrem leicht aus normalen Halsbändern. Er muss zwingend mit einem breiten, speziellen Windhundhalsband (das den Druck auf den Kehlkopf verteilt) oder einem gut gepolsterten Sicherheitsgeschirr geführt werden.
Gesundheit und Lebenserwartung
Der Whippet ist ein erstaunlich gesunder, langlebiger Hund. Eine Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren ist die Norm. Sie neigen selten zu den orthopädischen Problemen (wie HD), die andere mittelgroße Rassen plagen.
Einige spezifische gesundheitliche Aspekte, auf die seriöse Züchter achten:
- Herzerkrankungen: Herzklappenfehler oder Arrhythmien können vorkommen. Zuchttiere sollten (vor allem im Rennsport) kardiologisch per Ultraschall untersucht werden.
- Augenerkrankungen: Progressive Retinaatrophie (PRA) oder Katarakte können auftreten.
- Narkoserisiko: Dies ist lebenswichtig! Wie alle Windhunde hat der Whippet fast kein Körperfett (in dem Narkosemittel gespeichert werden) und eine andere Leberstoffwechselrate. Er verstoffwechselt Medikamente völlig anders als normale Hunde. Erlöschen Sie nie die Aufmerksamkeit Ihres Tierarztes auf diesen Umstand. Er benötigt spezielle, windhundsichere Narkoseprotokolle (wie Inhalationsnarkosen).
- Verletzungsgefahr: Wegen der dünnen Haut und dem fehlenden Unterhautfettgewebe reißen sie sich beim wilden Toben im Gestrüpp oder mit anderen Hunden extrem schnell die Haut auf (“Skin Tears”). Ein Whippet-Besitzer sollte immer Verbandszeug und Wundspray im Haus haben.
Pflege: Extrem pflegeleicht und sauber
Die Pflege eines Whippets ist minimalistisch.
- Fellpflege: Ein kurzes Abreiben mit einem Fensterleder, einem Pflegehandschuh oder einer weichen Bürste einmal die Woche reicht völlig, um lose Haare zu entfernen und das Fell zum Glänzen zu bringen. Er haart minimal.
- Baden: Nur sehr selten nötig, er riecht so gut wie gar nicht nach Hund.
- Zahn- und Krallenpflege: Die oft sehr spitzen Krallen müssen kurz gehalten werden. Wie viele schmalschnäuzige Rassen neigen sie zu Zahnstein, weshalb regelmäßiges Zähneputzen wichtig ist.
Ist ein Whippet der richtige Hund für Sie?
Der Whippet ist ein leiser, eleganter und tiefenentspannter Begleiter für Menschen, die seine sensiblen Bedürfnisse respektieren.
Ein Whippet passt zu Ihnen, wenn:
- Sie einen sauberen, geräuschlosen (kaum bellenden) Hund suchen, der im Haus ein ruhiger Sofabewohner ist.
- Sie über eine sichere, gut eingezäunte Fläche (oder Zugang zu einem Hundeplatz/Coursing-Gelände) verfügen, wo er täglich wenige Minuten in völliger Freiheit und Höchstgeschwindigkeit rennen kann.
- Sie einen extrem anhänglichen, verschmusten Hund suchen, der Körperkontakt liebt.
- Sie die Sanftmut und die sensible Erziehung (ohne jede Härte) aufbringen, die diese Rasse verlangt.
- Sie kein Problem damit haben, Ihrem Hund im Winter einen warmen Mantel anzuziehen.
Ein Whippet passt nicht zu Ihnen, wenn:
- Sie einen Wach- oder Schutzhund suchen.
- Sie erwarten, dass ein Hund draußen immer und überall (auch im Wald) völlig entspannt ohne Leine laufen kann (sein Jagdtrieb ist extrem hoch).
- Sie einen Ausdauerhund für mehrstündige Joggingrunden suchen (ein Whippet ist ein Sprinter).
- Sie Katzen oder Kleintiere (Kaninchen) besitzen (als Sichtjäger ist das Zusammenleben oft sehr schwierig oder erfordert striktes Training).
- Sie einen “rustikalen” Hund suchen, der auch bei eisigem Regen gerne stundenlang draußen ist.
Wer den Whippet als das schätzt, was er ist – ein sanfter, wärmeliebender Aristokrat, der für den Sprint geboren wurde –, gewinnt einen Gefährten, der unauffällig, aber mit unglaublicher Anmut und Liebe jeden Tag an seiner Seite steht.
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