Bernhardiner
Der Bernhardiner ist ein massiver Schweizer Gebirgs- und Rettungshund, der ab dem 17. Jahrhundert von Mönchen am Großen St. Bernhard-Pass gezüchtet wurde und für seine Geduld und seinen ruhigen Charakter bekannt ist.
Der Bernhardiner (St. Bernhardshund) ist untrennbar mit der Geschichte der Rettungshunde in den Schweizer Alpen verbunden. Das bekannte Bild des Hundes mit Holzfass um den Hals ist historisch gesehen ein Mythos, die Geschichte dieser Hunde als Lebensretter hingegen ist dokumentiert.
Heute dient der Bernhardiner kaum noch als aktiver Rettungshund, sondern hauptsächlich als Familienhund. Er nutzt seine enorme Masse und sein ruhiges Wesen als Begleiter. Wer den Platz, das Budget für große Futtermengen und ein entspanntes Verhältnis zu Hundehaaren und Sabber mitbringt, findet im Bernhardiner einen treuen und ruhigen Begleiter.
Geschichte und Herkunft: Die Helden vom Großen St. Bernhard
Die Geschichte des Bernhardiners ist untrennbar mit dem Hospiz auf dem Großen St. Bernhard Pass verbunden, der die Schweiz mit Italien verbindet.
Die Hunde der Mönche
Das Hospiz wurde im 11. Jahrhundert von Augustinermönchen als Zufluchtsort für Reisende und Pilger gegründet, die den gefährlichen, oft schneeverwehten Alpenpass überqueren mussten. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begannen die Mönche, große Berghunde (vermutlich Nachfahren der Molosser, die die Römer über die Alpen brachten) als Wach- und Zughunde zu halten.
Bald entdeckte man eine weit wertvollere Eigenschaft dieser Hunde: ihren überragenden Orientierungssinn im Schneesturm und ihre hervorragende Nase, mit der sie verschüttete Menschen unter meterdickem Schnee aufspüren konnten. Die Hunde gingen oft paarweise auf Patrouille. Fanden sie einen Erschöpften, legte sich ein Hund wärmend auf ihn, während der andere zum Hospiz lief, um die Mönche zu holen.
Barry: Die Legende
Der berühmteste aller Rettungshunde war “Barry” (lebte von 1800 bis 1814), der zeitlebens über 40 Menschen das Leben gerettet haben soll. Ihm zu Ehren wurde die Rasse im 19. Jahrhundert oft “Barry-Hund” genannt.
Die ursprünglichen Hospizhunde waren jedoch deutlich leichter, kurzhaariger und agiler als die heutigen Bernhardiner. Um 1830 wurde die Rasse durch schwere Winter und Krankheiten stark dezimiert. Die Mönche kreuzten Neufundländer ein, um die Rasse zu retten. Dies führte zum langhaarigen Bernhardiner. Ironischerweise erwies sich das lange Haar im Schnee als unpraktisch (es bildeten sich schwere Eisklumpen darin), sodass die langhaarigen Hunde oft ins Tal verschenkt wurden, was maßgeblich zur Verbreitung der Rasse beitrug.
Heute ist der Bernhardiner der Schweizer Nationalhund und wird von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) anerkannt. In Deutschland wird die Zucht unter anderem vom St. Bernhards-Klub e.V. im VDH betreut.
Physische Merkmale: Ein massiver Molosser
Der Bernhardiner ist eine der schwersten und massigsten Hunderassen der Welt. Er strotzt vor Kraft, hat einen breiten Rücken und einen gewaltigen Knochenbau.
- Größe: Die Mindestschulterhöhe liegt für Rüden bei 70 cm (bis 90 cm), für Hündinnen bei 65 cm (bis 80 cm).
- Gewicht: Ein ausgewachsener Bernhardiner wiegt zwischen 65 und 85 kg, viele Rüden erreichen problemlos 90 bis über 100 kg.
Der gewaltige Kopf
Der Kopf ist das markanteste Merkmal. Er ist riesig, breit und ausdrucksstark. Die Stirn ist faltig (besonders wenn der Hund aufmerksam ist), der Stop (der Übergang von Stirn zu Schnauze) ist extrem stark ausgeprägt. Die Augen sind dunkelbraun, etwas tiefliegend und blicken unglaublich freundlich, ruhig und sanftmütig. Die Lefzen hängen stark über, was die Ursache für das ausgeprägte Sabbern ist.
Kurzhaar oder Langhaar
Es gibt zwei Varietäten, die in allen anderen Punkten identisch sind:
- Kurzhaar (Stockhaar): Dichtes, glatt anliegendes, hartes Fell mit viel Unterwolle (das ursprüngliche Fell der Hospizhunde).
- Langhaar: Mittellanges, gerades bis leicht gewelltes Deckhaar mit reichlich Unterwolle. Stark behaarte Hosen an den Hinterbeinen und eine buschige Rute.
- Farben: Die Grundfarbe ist Weiß, versehen mit kleineren oder größeren rotbraunen Platten (Plattenhunde) oder einem durchgehenden rotbraunen Mantel über Rücken und Flanken (Mantelhunde). Eine dunkle Maske im Gesicht ist erwünscht.
Temperament und Persönlichkeit: Der ruhende Pol
Wenn ein Bernhardiner den Raum betritt, wird es ruhig. Er strahlt eine enorme Gelassenheit und tiefen Frieden aus.
Geduld mit Kindern
Bernhardiner sind für ihre ausgeprägte Geduld im Umgang mit Kindern bekannt. Sie ertragen Lärm und Trubel mit stoischer Ruhe. Aufgrund ihrer schieren Größe und Kraft (ein wedelnder Schwanz oder ein ungeschickter Rempler kann ein Kleinkind leicht umwerfen) dürfen sie jedoch niemals unbeaufsichtigt mit kleinen Kindern gelassen werden.
Anhänglich und sensibel
Trotz seiner massiven Statur ist der Bernhardiner ein sehr sensibler Hund, der engen Kontakt zu seiner Familie braucht. Er eignet sich absolut nicht für die reine Zwingerhaltung, da er ohne seine Menschen seelisch verkümmert. Er möchte im Haus bei seinem “Rudel” sein.
Ein gelassener Wächter
Als Wachhund wirkt er allein durch seine imposante Erscheinung. Er ist kein Kläffer und bellt nur, wenn er einen guten Grund sieht. Er verteidigt sein Territorium und seine Familie souverän, neigt aber nicht zu ungerechtfertigter Aggressivität. Besucher, die von der Familie hereingelassen werden, akzeptiert er in der Regel ruhig (wenn auch manchmal etwas abwartend).
Erziehung und Bewegungsbedarf
Bewegung: Gemütliche Runden statt Hochleistungssport
Ein Bernhardiner ist kein Jogging-Begleiter und kein Agility-Hund.
- Täglicher Bedarf: Er benötigt regelmäßige, ausgedehnte, aber gemütliche Spaziergänge (etwa 1 bis 1,5 Stunden täglich), um seine Muskulatur zu erhalten und Übergewicht (das Gift für seine Gelenke ist) zu vermeiden.
- Wachstum: In den ersten 18 bis 24 Lebensmonaten wachsen Knochen und Gelenke rasant. In dieser Zeit müssen Sprünge, Treppensteigen und zu lange Märsche zwingend vermieden werden.
- Hitzeempfindlichkeit: Als ursprünglicher Alpenhund leidet er extrem unter Hitze. Spaziergänge im Hochsommer müssen in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden verlegt werden. Ein kühler Platz im Haus (oft die kalten Fliesen) ist ein Muss.
Erziehung: Konsequenz im Welpenalter
Ein Hund, der 80 Kilo wiegt, muss an der Leine laufen können – andernfalls geht er mit Ihnen spazieren, nicht umgekehrt.
- Früher Start: Die Erziehung muss beginnen, solange der Welpe noch körperlich händelbar ist.
- Mit Liebe, nicht mit Härte: Der Bernhardiner ist klug, hat aber seinen eigenen Kopf. Zwang oder Anschreien führen bei diesem sensiblen Hund nur zu völliger Sturheit (und wenn ein Bernhardiner sich stur stellt und ablegt, bewegt ihn niemand mehr). Er lernt hervorragend durch positive Verstärkung und klare, ruhige Führung.
- Sozialisierung: Eine frühe Gewöhnung an Umweltreize und andere Hunde ist essenziell, damit aus dem Riesen ein gelassener, souveräner Hund wird.
Gesundheit und Lebenserwartung
Die Zucht von Riesenrassen ist gesundheitlich herausfordernd. Der Preis für die gewaltige Masse ist eine oft sehr kurze Lebenserwartung von durchschnittlich 8 bis 10 Jahren.
Kaufen Sie einen Bernhardiner ausschließlich bei einem seriösen VDH/FCI-Züchter, der strengste Gesundheitskontrollen bei den Elterntieren durchführt:
- Hüftgelenks- (HD) und Ellbogendysplasie (ED): Das größte Risiko bei so schweren Hunden. Röntgenuntersuchungen der Elterntiere sind absolute Pflicht.
- Magendrehung: Um dieses akut lebensbedrohliche Risiko zu senken, sind zwei bis drei kleinere Mahlzeiten pro Tag und eine anschließende absolute Ruhepause (1 bis 2 Stunden) unerlässlich.
- Augenerkrankungen: Wegen der oft stark hängenden Augenlider neigt die Rasse zu Ektropium (Hängelid) und Entropium (Roll-Lid). Dies kann zu ständigen Bindehautentzündungen führen. Seriöse Züchter achten auf straffere Augenlider.
- Knochenkrebs (Osteosarkom) und Herzerkrankungen: Kommen bei Riesenrassen überdurchschnittlich oft vor.
Pflege: Haare, Sabber und noch mehr Sabber
Die Haltung eines Bernhardiners erfordert eine große Toleranzgrenze in Sachen Sauberkeit.
- Sabbern: Machen wir uns nichts vor: Bernhardiner sabbern massiv. Nach dem Trinken, beim Fressen, wenn sie sich freuen oder wenn es warm ist. Speichelfäden an Wänden, Hosen und Möbeln gehören zum Alltag. Wer ein extrem reinliches Haus bevorzugt, wird mit dieser Rasse nicht glücklich.
- Fellpflege: Die kurzhaarige Variante muss ein- bis zweimal wöchentlich gebürstet werden. Die langhaarige Variante erfordert häufigeres (idealerweise tägliches) Bürsten, um Verfilzungen vorzubeugen.
- Fellwechsel: Zweimal im Jahr verliert der Bernhardiner Berge von Unterwolle.
- Augenpflege: Die hängenden Lider müssen regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf vorsichtig gereinigt werden.
Ist ein Bernhardiner der richtige Hund für Sie?
Der Bernhardiner ist ein traumhafter Familienhund, stellt aber enorme Ansprüche an Platz und Budget.
Ein Bernhardiner passt zu Ihnen, wenn:
- Sie ein Haus mit einem großen (eingezäunten) Garten besitzen, idealerweise mit kühlen Räumen im Erdgeschoss.
- Sie einen tiefenentspannten, extrem loyalen, kinderlieben und beschützenden Begleiter suchen.
- Sie über das notwendige Budget für gigantische Futtermengen, teures XL-Zubehör und potenziell hohe Tierarztkosten (Medikamente für einen 80-Kilo-Hund sind teuer) verfügen.
- Sie kein Problem mit Sabber und Hundehaaren haben.
Ein Bernhardiner passt nicht zu Ihnen, wenn:
- Sie in einer Etagenwohnung (insbesondere ohne Aufzug) leben. Er darf keine Treppen steigen.
- Sie einen sportlichen Partner zum Joggen oder für ausgedehnte Fahrradtouren suchen.
- Sie sehr pingelig bezüglich der Sauberkeit im Haus sind.
- Sie Schwierigkeiten haben, mit der relativ kurzen Lebensspanne einer Riesenrasse umzugehen.
Wer bereit ist, sein Leben und sein Sofa an diese Riesenrasse anzupassen, gewinnt einen ruhigen, zuverlässigen und familienorientierten Begleiter.
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